Grünspan
 
Zu Delation-Zeiten waren The Livings in vielerlei Hinsicht unsere Rivalen auf dem Platz. Wir duellierten uns nicht nur musikalisch, sondern auch in Sachen Equipment. Kaum hatten wir drei Sound City-Türme angeschafft, zogen Livings mit vier Marshall-Türmen nach. Unvergesslich auch die jährlich stattfindenen Fussball-Spiele auf der Allmend.
 
 
Nach dem Ende von Delation und Livings änderte die Situation drastisch. Es begann die hohe Zeit der Rochaden zwischen uns Musikern. 1972 entstand Lindbergh – eine Fusion von Higi und Boni mit Küre Hauser und Dänu Stöckli. Stöffu, Micky und ich hatten ein kurzes Intermezzo mit dem Fireball-Gitarristen Hector Rubeli. Dann kam die erste Rochade, indem Dänu und Boni mit Stöffu, Schöre Müller und mir Grünspan gründeten. Wir übten mehr oder weniger täglich in einem Altstadtkeller, d.h. wir ergaben uns in stundenlangen Jams auf einem oder zwei Akkorden. Ein Jahr später verwirklichten wir unseren Hippietraum, entflohen dem Stadtleben (Schöre schrieb später den Song dazu: I weiss no guet, won i ar Sunne bi gsässe, wit ewägg vom Lärm vo dr Stadt) und zogen gemeinsam in ein Bauernhaus in der Hämlismatt, nahe bei Biglen. Wir lebten als Musikerkommune nach dem Vorbild der Allmann- und Doobie-Brothers zusammen, bauten den Kartoffelkeller zum Übungslokal aus, machten Musik wann es uns passte, rauchten genug, tranken billigen Rotwein und lebten von Luft und Liebe. Wir sahen aus wie Hippies und gaben uns auch gehörig Mühe, welche zu sein.
 
 
Für mich alles in allem unvergessliche Jahre. Wir wohnten für 335 Franken pro Monat, zwei Personen pro Zimmer, ohne Dusche und warmes Wasser, dafür mit einem Plumpsklo im Freien neben dem Schweinestall. Wir lebten unter dem Existenzminimum zufrieden vor uns hin. In diese Zeit fiel auch die erste Annäherung an den Mundart Rock: Dänu und ich reimten „Rock“ und „Härdöpfustock“ auf „Bock“ sowie „Bärn“ und „Lozärn“ auf Lärm: Der Bärner Rock war geboren. Eine Pionierleistung, die später auch vom Vater des Mundart Rock gewürdigt wurde: „Damals bastelten wir Rumpelstilze hoch oben in den Alpen an einer Musik herum, die später als "Berner Rock" bekannt werden sollte. Wir suchten die Verbindung von Mundart und gängiger Popmusik. Es waren aber Grünspan, die diesen Begriff prägten und auch verkörperten.“
 
 
Unsere Single Bärner Rock wurde 1975 gleichzeitig mit der Stilz-LP Vogelfueter auf Eric Merz’ Schnoutz-Records-Label veröffentlicht. Bereits etwas früher hatten wir beim nationalen Sampler Heavenly and Heavy mitgemacht, dort allerdings mit den beiden englischen Titeln Pollution und A ghost must be around.Musikalisch waren wir Experimenten nicht abgeneigt. So spielte Grünspan eine Zeitlang mit zwei Schlagzeugern. Hack Hug aus St.Gallen war zwischenzeitlich zu uns gestossen und zwar als vollwertiges Mitglied unserer Hippiekommune. Nach einem Gastspiel im Space Electronic in Florenz ging diese Episode mit Hack etwas abrupt zu Ende. An unsere insgesamt vier Aufenthalte in der Toscana habe ich dennoch nur gute Erinnerungen. Eines Nachts wurde es allerdings richtig brenzlig. In unserem Hotel war nämlich ein Brand ausgebrochen, und wir mussten Hals über Kopf unsere Zimmer verlassen.
 
 
1975 begann es in unserer Kommune zu rumoren, als es Boni wieder zurück in die Stadt zog.Wieder mal war eine Rochade fällig: Lindbergh, die sich inzwischen mit dem Rattle Snakes Sänger Dänu Ruch zusammengetan hatten, waren mit ihrem Latein resp. Kunstrock à la Jethro Tull am Ende. Ihr talentierter Gitarrist Dänu Siegrist sah sich nach neuen Herausforderungen um und fand sie bei uns in der Hämlismatt. Was folgte, ist die unendliche Geschichte von Span...
 
Hippies auf der Hämlismatt: Grünspan mit Dänu Stöckli, Matti Kohli, Schöre Müller, Stöffu Kohli
und Boni Bonaconza