The Delation
Die erste Annäherung an
die Beatmusik war ein Auftritt einer richtigen Beatband auf dem
Gurten
im Rahmen der beliebten Ferdinand-Jekamis. Ich war 15 Jahre alt und vom
Gebotenen beeindruckt. Vielleicht wäre ich ein gewöhnlicher Beat-Fan
geblieben, wenn ich nicht in der 9. Klasse im Turnunterricht einen
anderen Beat-Fan kennen gelernt hätte ...Higi Heilinger hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine eigene Gitarre und
konnte darauf einigermassen fehlerfrei Memphis Tennessee spielen. Er
hatte bald mal die Idee, eine eigene Band nach dem Vorbild der Rolling
Stones, Animals oder Kinks zu gründen.
Ich beschriftete schon mal meine Stones-Single mit unseren Namen ...
... und übergebe hier
das Wort an Higi, um den weiteren Verlauf der Dinge zu schildern:
So kann man sich täuschen ...
Mitte der 60er Jahre ging es plötzlich sehr schnell. Noch drehten
’sTröimli,
Il silenzio und
Sugar Baby auf dem Plattenteller, als die
Beatlemania von England auf den Kontinent hinüberschwappte. Auf Radio
Beromünster war der neue Beat noch nicht zu hören, aber einzelne
Magazine berichteten schon von The Beatles, The Rolling Stones, The
Animals, The Kinks, The Who und wie sie alle hiessen. Bald hatten wir
den Dreh raus, um an die aufregenden Sounds zu kommen: auf LW umstellen,
Radio Luxemburg einstellen und voll aufdrehen.
Im Sommer 1966 war es so weit: Ich besorgte mir eine Gitarre und begann
die ersten Griffe zu üben. I want to hold your hand lag noch ausser
Griff- und Reichweite, dafür meisterte ich bald
einmal Drafi Deutschers
Marmor, Stein und Eisen bricht. Damit war klar: Ich war bereit für die erste Band.
Dann wurde ich beim Turnen auf einen Jungen aus der Parallelklasse
aufmerksam, der die Haare einen Tick länger als alle andern trug – ein
Indiz, dass auch er vom Beat-Virus angesteckt war. Matti hatte sich die
Single The last time gekauft, was mir mächtig imponierte. Regelmässig trafen wir
uns vor dem Plattenspieler, um die neusten Hits aus England und den USA zu hören.
Wir verbrachten unsere
Freizeit mit Sport und Musik, steckten die Köpfe zusammen,
schmiedeten
Pläne und hatten jede Menge Spass – die erträgliche Leichtigkeit der
Sixties eben. Eines Tages legte ich
meine Lieblings-Single Memphis Tennessee
auf, drückte Matti zwei Lineale
in die Hand und forderte ihn auf, dazu den Takt
zu schlagen. Er meisterte diesen
Schlagzeuger-Test mit Bravour. Beim
nächsten Treffen brachte er gleich
unseren Bassisten mit: seinen
Bruder
Stöffu. Wir waren schon zu dritt, es fehlte nur noch der
Leadgitarrist.
Da spielte uns eines Tages Max Marti, Stift bei der Wifag, auf seiner
Elektrogitarre das Intro zu The last time vor. Wir wussten sofort:
Mäxchen ist unser Mann. Wir kauften uns
Instrumente, Verstärker,
Boxen und ein Schlagzeug, teils bei
Musik Müller, teils bei einem kleinen
Musikladen am Bollwerk. Der Verkäufer Roland Berger war
Rhythmusgitarrist
bei The Lives, einer der angesagtesten Beatgruppen,
die so etwas wie
unsere regionalen Vorbilder waren.
Endlich war es so weit: Wir hatten
das nötige Instrumentarium beieinander,
es konnte losgehen. Als erstes
Stück stand It’s my life von
The Animals auf dem Programm. Diesen
Moment werde ich nie vergessen:
Matti zählte „one two three four“ und
wir tauchten ein in die grosse
weite Welt der Beatmusik. It's my life and I
do what I want: Nichts
konnte unser Lebensgefühl treffender ausdrücken.
Für uns war klar: Diese Musik gehört
uns – und mit dreissig ist sowieso
fertig. Na ja. Heute, über 40 Jahre
später, zählen wir wieder an:
«one two three four.» Unsere Helden,
die Rolling Stones haben die 60
längst überschritten und Chuck Berry
tritt noch heute jeden Abend in
einem Club in St. Louis auf. So
kann man sich
täuschen...
Der erste
Delation-Auftritt fand im Herbst 1967 im Sternensaal Bolligen statt.
Bemerkenswert
unser Outfit: Stöffu und Max fertigten sich farbige Jacken
im Stil von Sergeant Pepper an,
Matti setzte auf rosa Hosen und gelbe
Mütze, ich leihte mir die Pelzjacke meiner Mutter aus. Es war auch die
Zeit der kreativen Instrumenten-Verzierung. Hier war Stöffu, Absolvent
der Kunstgewerbeschule,
federführend. Die Verzierung des Paukenfells mit Bandname und Gesicht
war sein
Werk, ebenso die Ornamente auf
unseren Gitarren.
Matti, Stöffu und ich
blieben vier Jahre zusammen. Was wechselte, waren
die Gitarristen.
Auf Mäxchen folgte David Heusser (rechts auf dem Bild).
Mit ihm pflegten wir
die harte Kante mit Songs von den Blue Cheer,
etwas vom Härtesten, was
die Szene damals zu bieten hatte.
Darauf kam die Fusion mit Micky Gerber (voc) und Marcel Briand (git) von
den Skals. Auf dem Foto vom Jugendfest 1969 ist zu beachten: Stöffu
trug
RS-Frisur, ich hatte die Haare schwarz
gefärbt, Matti trug Karawatte.
DER BUND schrieb damals:
«Das Berner Jugendfest brachte grosse Erfolge wie auch
die 38 aufeinanderfolgenden Samstage, an welchen «Delation» in
der ganzen
Schweiz auftraten.
Das war zu viel für mich, schliesslich stand die Maturitätsprüfung an.
Ich wollte seriös werden
und gab den Austritt. Aber ein knappes Jahr
später hatte mich der
Beat-Virus schon
wieder eingeholt...
1970
folgte für die Band ein höchst erfolgreiches Intermezzo mit Päde Reisser
an der
Hammond-Orgel. Er hatte vorher bei den Black Lions gespielt und
prägte auch bei den Delation den Sound mit seinem Leslie-Effekt
nachhaltig.
Vanilla Fudge, Yes und Deep Purple waren angesagt. Im Mai
1970 wurde
The Delation zur «Besten Schweizer Amateur Pop-Band» erkoren.
Das Berner Tagblatt schrieb über die Päde-Reisser-Episode:
«Die aktuelle
Formation von The Delation weist folgende Besetzung auf:
Sänger ist Beat
Micky Gerber, 19 Jahre alt. Er ist Gymnasiast und
möchte später
Berufsmusiker werden und dann den Beruf eines
Engischlehrers ausüben.
Die Sologitarre wird von Marcel Briand,
19jährig, recht gut gespielt. Mäsu besucht eine Handelsschule und
wird sich auch nachher der Musik nur
als Hobby widmen. Wie Micky
spielte er früher bei den Skals. Patrick
Reisser, 19jährig, ist der Mann
mit der grössten Erfahrung. Er spielte
bei den Black Lions, Sherlocks
und Sleep Walkers Hammondorgel. Der
Gymnasiast plant, sich
bereits in einigen Jahren als Pilot die Welt von
oben anzusehen.
Christoph Kohli, mit 21 Jahren der Sippenälteste, ist Photolithograph.
Er möchte noch einige Jahre im Pop-Geschäft bleiben,
eventuell sogar
als Professional. Matthias Kohli ist 19jährig, steckt
zur Zeit noch in
einer kaufmännischen Lehre.
Doch hat er sich mit Leib
und Seele seinem Hobby, dem Schlagzeugspielen, verschrieben, welches er
später auch beruflich ausüben möchte.
Ein Song kommt beim Publikum immer besonders gut an: die Delation-Fassung
des Beatles-Hits Ticket to
Ride. Delation sind übrigens eine der wenigen
Gruppen, welche gut im Chor singen
kann. Alle fünf Mitglieder erfügen
über eine gute Stimme, welche es ihnen
erlaubt, auch mit sehr
anspruchsvollen Gesangsvorträgen
aufzutreten.»
Nach einem Sommer hatte diese Formation ausgesungen und -gespielt.
Marcel Briand und
Päde Reisser zog es an
den Genfersee und sie begannen
ihre Ausbildung zum
Flugpiloten.
Nach
bestandener Matura kehrte ich zu Delation zurück. Zusammen mit
Boni
Bonaconza,
(vormals Bassist bei The Livings, The Greys und Pop Corns),
der inzwischen auf die Gitarre gewechselt hatte, startete die letzte
Ausgabe von The Delation. Schwerpunkt unseres Repertoires waren
Songs
von Wishbone Ash, den Erfindern der zweistimmigen
Gitarrensoli. In diese
Zeit fällt auch unsere erste Eigen-Komposition, die
wir auf die Reihe
kriegten: Just look around you. Das war damals echt
revolutionär für ein
Berner Popgrüppli und wir
waren
sehr stolz darauf.
Unser letzter Gig
fand 1971 im Gaskessel statt, was den Journalisten
Matthias
Lauterburg
unter dem Titel
«Delation siegten – und starben» zu
folgendem Abgesang inspirierte:
«Sie waren einfach besser. Und als sie
in der Zugabe in die Chuck-Berry-Kiste
langten, rockten die Gaskessel,
was das Zeug hielt. Und dann hiess es
plötz!ich: «Nun spielen wir
das letzte
Stück unseres letzten Auftritts.» Zwei Stunden, nachdem ihnen
der Titel
der
besten Berner Pop-Band;
zugesprochen worden war, holten die Delation
zu ihrem eigenen Grabgesang
aus: zum Wishbone Ash-Song
„Errors of my way», Irren meiner Wege. Nicht zuende ist das Musizieren
für Sänger Beat «Micky» Gerber, Bassist
Christoph Kohli und
Drummer Matthias Kohli. Die drei werden «irgendwie mit
neuen Leuten
und wahrscheinlich neuem Namen» weitermachen. Auf das neue
Kind
unter den Pop-Mutzen gilt es gespannt zu sein.» Das eine neue Kind hiess
Evil mit Matti, Stöffu, Micky
und Gitarrist Hector Rubeli von den Fireball.
Das andere nannte sich
Lindbergh und vereinte Küre Hauser und Dänu Stöckli
von
den Livings mit
mir und Boni an den Gitarren.
Higi Heilinger
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